Oolong-Tees gehören zu den größten und vielfältigsten Teegruppen überhaupt – und gleichzeitig zu den am wenigsten verstandenen. Grüntee kennt fast jeder, Schwarztee ebenfalls. Oolong dagegen bleibt für viele unscharf: weder ganz grün noch schwarz und oft schwer einzuordnen.
Mein eigener Teeweg hat genau dort begonnen.
Meine ersten ernsthaften Begegnungen mit Tee waren Oolongs – und ich hatte das große Glück, gleich mit sehr hochwertigen, sauber produzierten Qualitäten zu starten. Diese frühen Erfahrungen haben meinen Geschmack geprägt. Ich konnte meine Wahrnehmung an klaren, pestizidfrei produzierten Tees schulen und habe dabei gelernt, wie unterschiedlich ein einziges Blatt schmecken kann.
Mit den Jahren hat sich mein Genuss verändert. Früher zogen mich vor allem sehr helle, leichte Oolongs an. Heute greife ich deutlich häufiger zu stärker entwickelten, runder wirkenden Tees. Zu kräftige Kohleröstungen liegen mir allerdings nicht – sie überdecken für mich den Charakter des Blattes. Was mich bis heute begeistert, sind ausgewogene, harmonische Oolongs: Tees mit Tiefe, aber ohne Schwere. Für mich sind sie bis heute ein idealer Nachmittagstee.
Die folgenden Punkte helfen, Oolong-Tee besser zu verstehen — nicht als exotische Ausnahme, sondern als eigenständige Welt innerhalb des Tees.
1. Oolong ist keine Teesorte, sondern eine Art der Verarbeitung
Oolong-Tee wird aus derselben Pflanze hergestellt wie grüner, weißer und schwarzer Tee. Der Unterschied liegt nicht in der Pflanze, sondern darin, wie mit dem frischen Blatt gearbeitet wird. Beim Oolong wird die natürliche Veränderung des Blattes nach dem Pflücken bewusst gesteuert – nicht komplett verhindert, aber auch nicht vollständig zugelassen. Dadurch kann ein Oolong sehr hell und frisch wirken oder warm, tief und röstig. Der Name beschreibt also keine feste Sorte, sondern ein handwerkliches Verfahren.
2. Der wichtigste Schritt: Die Blätter werden bewusst leicht beschädigt
Bei der Herstellung von Oolong-Tee werden die frischen Teeblätter nicht einfach nur getrocknet. Sie werden gezielt bewegt, gewendet und vorsichtig gegeneinander gedrückt. Dabei entstehen kleine Risse in den Blattstrukturen.
Durch diese kleinen Verletzungen kommt Sauerstoff an das Innere des Blattes. Erst dadurch entwickeln sich die Duft- und Geschmacksstoffe, die später an Blüten, Früchte oder Honig erinnern. Würde man die Blätter unversehrt lassen, entstünde kein Oolong, sondern ein anderer Teetyp.
Oolong entsteht also nicht durch maximale Schonung, sondern durch kontrolliertes Eingreifen. Zu wenig Bewegung – der Tee bleibt flach. Zu viel – er wird schwer und dunkel. Der Charakter entsteht genau in diesem Zwischenbereich.
3. Am aufgegossenen Blatt kann man gute Verarbeitung erkennen
Betrachtet man einen hochwertigen Oolong nach dem Aufguss, zeigt sich oft ein besonderes Bild: Die Blattmitte bleibt grün, während sich die Ränder bräunlich oder rötlich färben. Die Veränderung beginnt zuerst an den Stellen, die zuvor bewegt wurden. Diese zweifarbige Struktur ist kein Zufall, sondern ein Hinweis darauf, dass sich die Entwicklung im Blatt kontrolliert vollzogen hat.
4. Oolong entsteht in mehreren Ruhe- und Arbeitsphasen
Die Herstellung geschieht nicht in einem einzigen Schritt. Die Blätter werden wiederholt bewegt und anschließend ruhen gelassen. Während der Ruhezeiten entwickeln sich neue Aromen, danach greift der Produzent erneut ein. Dieser Wechsel aus Aktivität und Pause kann sich über viele Stunden ziehen. Der Tee wird dabei ständig beobachtet, gerochen und geprüft. Sein Charakter entsteht langsam, nicht auf einmal.
5. Der entscheidende Moment ist das Stoppen der Entwicklung
Irgendwann muss der Produzent eingreifen und den Prozess beenden. Dazu werden die Blätter erhitzt. Dadurch verändern sie sich nicht weiter. Wird zu früh gestoppt, bleibt der Tee leer und grün. Wartet man zu lange, wird er schwer und dunkel. Oolong lebt davon, dass genau der richtige Moment getroffen wird. Schon kurze Zeitunterschiede können den gesamten Charakter verändern.
6. Oolong hat keinen festen Geschmacksstil
Es gibt nicht „den einen“ Oolong-Geschmack. Manche Oolongs erinnern an frische Blüten, andere an reife Früchte, wieder andere an Nüsse, Holz oder warme Süße. Diese große Bandbreite entsteht, weil der Hersteller bestimmt, wie weit sich das Blatt entwickeln darf. Oolong ist deshalb weniger eine einzelne Kategorie als ein Bereich zwischen den Teetypen.
7. Die Blattform ist kein Herkunftsbeweis – aber sie verrät etwas über die Verarbeitung
Oolong kann als fest gerollte Kügelchen oder als offene, gedrehte Blätter auftreten – und beide Formen kommen in vielen Regionen vor. Aus der Form allein lässt sich die Herkunft also nicht zuverlässig bestimmen.
Trotzdem ist die Form nicht bedeutungslos. Sie zeigt, wie stark das Blatt während der Herstellung mechanisch bearbeitet wurde. Fest gerollte Tees öffnen sich im Wasser langsamer und geben ihren Geschmack schrittweise ab. Offene Blätter reagieren schneller. Die Blattform verrät deshalb weniger, woher der Tee kommt, sondern eher, wie er sich im Aufguss verhält.
8. Röstung ist etwas anderes als die eigentliche Blattveränderung
Nach der Herstellung kann Oolong zusätzlich erhitzt werden. Diese Röstung verändert den Geschmack: er wird runder, wärmer und weniger grün. Sie bestimmt jedoch nicht, wie weit sich das Blatt vorher entwickelt hat. Ein Tee kann daher hell wirken und dennoch geröstet sein – oder dunkel erscheinen, ohne stark geröstet zu sein. Beides sind getrennte Entscheidungen des Herstellers.
9. Manche Oolongs werden auch nach der Herstellung weiter gepflegt
Einige traditionelle Oolongs werden später erneut vorsichtig erwärmt. Das dient nicht nur der Haltbarkeit, sondern verändert auch den Geschmack. Mit der Zeit werden die Noten oft weicher und tiefer. Der Tee wird dadurch nicht einfach nur älter, sondern entwickelt sich weiter.
10. Der Begriff „Oolong“ bedeutet nicht überall genau dasselbe
Je nach Region kann mit „Oolong“ Unterschiedliches gemeint sein. In manchen Gegenden beschreibt der Begriff eine ganze Gruppe von Tees, in anderen eine bestimmte Herstellungsweise oder Stilrichtung. Zwei Oolongs mit gleichem Namen können deshalb trotz ähnlicher Bezeichnung unterschiedlich verarbeitet sein und auch völlig verschieden schmecken.
Oolong lässt sich schwer in eine einfache Kategorie pressen. Vielleicht ist das der Grund, warum er weniger bekannt ist als Grün- oder Schwarztee. Gleichzeitig liegt genau darin seine Stärke: Er zeigt, wie stark das Ergebnis vom Umgang mit dem Blatt abhängt.
Wer Oolong trinkt, begegnet weniger einem festen Teetyp als vielmehr einer Arbeitsweise. Kleine Unterschiede in Bewegung, Zeit und Hitze verändern den Charakter vollständig. Deshalb können zwei Oolongs kaum vergleichbar sein – selbst dann, wenn sie denselben Namen tragen.
Für mich bleibt Oolong bis heute der Tee, der am deutlichsten zeigt, dass Tee nicht nur ein Getränk ist, sondern ein Handwerk. Und vielleicht ist er gerade deshalb kein Einsteigertee, sondern ein Tee, zu dem man immer wieder zurückkehrt.
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