Ich sage das oft – und ich meine es genau so: Der Weg des Tees ist nichts für die Feigen. Er ist ein Weg für die Mutigen.
Nicht, weil Tee kompliziert wäre. Sondern weil Tee ehrlich ist.
Wenn du Tee trinkst, begegnest du dir selbst. Du sitzt mit dir. Du spiegelst dich in der Schale. Und da ist niemand, der ablenkt.
Manchmal ist das wie ehrliche Worte von außen: Man hört sie nicht sofort gern. Man braucht Zeit, um sie wirken zu lassen.
Am Teetisch ist es nicht anders. Manche Tees sind weich. Andere kantig. Nicht angenehm – aber wahr.
Und genau diese Ehrlichkeit führt oft tiefer.
Eine Geschichte, die mehr Raum braucht
Vielleicht ist es genau deshalb, dass mich ein Buch in den letzten Tagen so beschäftigt hat.
Ich habe vor Jahren den Film Die Hütte gesehen. Er ist mir im Gedächtnis geblieben, aber er hat mich nicht ganz erreicht.
Vor Kurzem habe ich ihn noch einmal gesehen. Und gemerkt: Das reicht mir nicht.
Da liegt etwas Tieferes. Also habe ich das Buch zur Hand genommen.
Geschrieben wurde es von William P. Young. Nicht als Bestseller. Nicht als spirituelle Anleitung. Sondern ursprünglich für seine eigenen Kinder.
Er schrieb es aus einer Biografie heraus, die von schweren Verletzungen geprägt ist: Missbrauch. Verlust. Glaubensbrüche.
Dieses Buch wollte keinen erklären, wie die Welt zu sein hat. Es wollte Raum öffnen.
Und genau das tut es.
Gut. Böse. Und die Frage dazwischen
Ein Gedankengang aus dem Buch hat mich besonders berührt.
Was ist gut? Was ist böse?
Nicht als moralische Frage. Sondern als existenzielle.
Im Buch wird beschrieben, dass wir „gut“ nur begreifen können in der Anwesenheit von „böse“.
So wie Dunkelheit nichts Eigenständiges ist, sondern die Abwesenheit von Licht. So wie Tod nicht das Gegenteil von Leben ist, sondern dessen Abwesenheit.
Alles bedingt sich. Nichts existiert für sich allein.
Und plötzlich verschiebt sich etwas Entscheidendes: Schmerz ist nicht automatisch böse. Er ist Teil des Lebens.
Das macht Schmerz nicht harmlos. Und es verherrlicht ihn nicht.
Aber es nimmt ihm den Stempel des Fehlers.
Vielleicht lohnt es sich manchmal, nicht sofort wegzugehen, sondern genauer hinzuschauen.
Bewertung entsteht im eigenen Paradigma
Ein Satz aus dem Buch ist bei mir hängen geblieben:
Ein Mangel an Wissen führt zur Bewertung.
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie zutreffend das ist.
Jeder Mensch bewertet aus seinem eigenen Paradigma heraus. Aus Erfahrungen. Aus Prägungen. Aus Verletzungen. Aus dem, was er gelernt hat, schützen zu müssen.
Es gibt bekannte Beispiele von Menschen, die für großes Leid verantwortlich waren und sich dennoch als gute Menschen sahen.
Nicht, weil ihre Taten gut waren. Sondern weil sie innerhalb ihres eigenen Paradigmas Sinn und Rechtfertigung fanden.
Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt viel.
Und es zeigt, wie vorsichtig wir mit schnellen Urteilen sein sollten.
Tee als Spiegel – nicht als Urteil
Auch Tee bewerten wir ständig.
Dieser Tee ist gut. Der ist nichts für mich. Der schmeckt nicht.
Aber was heißt eigentlich „schmeckt nicht“?
Manche Tees sind bitter. Adstringierend. Unbequem.
Und genau diese Tees erzählen oft viel: Über Verarbeitung. Über Reife. Über Herkunft. Über Zeit.
Ein Sheng Pu Erh zum Beispiel kann kantig sein. Unruhig. Fast widerständig.
Nicht angenehm im klassischen Sinn. Aber ehrlich.
Wenn wir Bitterkeit nicht sofort als „böse“ abwerten, sondern als Teil eines Prozesses betrachten, öffnet sich etwas Neues.
So wie im Leben.
Schmerz ist nicht angenehm. Aber er trägt Information. Er weist auf Grenzen hin. Auf Verletzungen. Auf etwas, das gesehen werden will.
Schmerz gehört zum Leben dazu. Genauso wie Freude. Genauso wie Leichtigkeit.
Verletzung gehört zum Leben dazu. Nicht als Ideal. Nicht als Ziel. Sondern als Teil der Erfahrung.
Ohne Schmerz könnten wir Schmerzfreiheit nicht schätzen. Ohne Bitterkeit keine Süße. Ohne Reibung keine Tiefe.
Das eine bedingt das andere. Nicht im romantischen Sinn. Sondern im wirklichen.
Wenn wir Schmerz nicht sofort wegdrücken, sondern ihn als Teil des Prozesses anerkennen, kann er sich wandeln.
Wie beim Tee.
Was zunächst sperrig wirkt, entfaltet mit Zeit und Aufmerksamkeit manchmal genau die Tiefe, die vorher verborgen war.
Tee als Übungsraum
Tee zwingt uns zu nichts. Aber er lädt ein.
Zum Wiederholen. Zum Beobachten. Zum Nicht-sofort-Bewerten.
Vielleicht ist genau das der gemeinsame Raum zwischen Tee und diesem Buch:
Beides fordert uns auf, langsamer zu werden. Offener. Weniger sicher in unseren Urteilen.
Nicht alles sofort einzuordnen. Nicht alles benennen zu müssen.
Das Dao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Dao.
Vielleicht gilt das auch für Geschmack. Und für Schmerz. Und für das Leben.
Eine Empfehlung
Wenn dich diese Gedanken berühren, dann lege ich dir dieses Buch ausdrücklich ans Herz:
Nicht als spirituelle Anleitung. Nicht als Wohlfühllektüre. Sondern als ehrliches Buch über Schmerz, Beziehung, Bewertung und das Aushalten von Nicht‑Wissen.
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Und wenn du weitergehen möchtest
Wenn du Lust hast, solche Themen weiter zu erkunden – über Tee, über Wahrnehmung, über das, was zwischen den Zeilen liegt –, dann gibt es zwei Möglichkeiten, mir weiter zu begegnen:
🌿 Tea Summit
Die Tea Summit ist ein Raum für Menschen, die Tee nicht nur trinken, sondern ihn als Weg, Kultur und Erfahrungsraum begreifen. Offen. Undogmatisch. Tief.
🍃 WhatsApp‑Kanal
In meinem WhatsApp‑Kanal teile ich regelmäßig Gedanken vom Teetisch: Beobachtungen, Fragen und Impulse aus dem Alltag mit Tee.
