Wir tun es tausende Male am Tag, und kaum ein Atemzug bleibt uns im Gedächtnis. Die Luft strömt hinein und wieder hinaus wie ein Fluss, dessen Rauschen man irgendwann überhört. Wir steuern ihn nicht, wir bemerken ihn kaum. Und doch trägt dieser unscheinbare Fluss mehr in sich, als wir ahnen.
In der Podcastfolge mit Nicole ging es darum, wie stark der Atem auf unseren Körper wirkt. Er beruhigt das Nervensystem, senkt den Stress und bringt uns zurück in den Moment. [Link zur Podcastfolge] Nach diesem Gespräch ließ mich eine Frage nicht mehr los. Kann der Atem auch den Geschmack verändern?
Ich habe ein wenig nachgelesen, bin auf erstaunliche Studien gestoßen und musste schmunzeln. Die Technik, die den Geschmack tatsächlich verstärkt, lehre ich seit fast 20 Jahren in meinen Workshops. Ich nenne sie den Teeatem. Bei uns gilt er als unhöflich, und meine Oma findet es bis heute nicht besonders schön, wenn ich ihn anwende.
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Warum schlürft man in China?
Wer schon einmal in China an einem Tisch saß, kennt das Geräusch. Geschlürft wird dort laut und ohne jede Scham, beim Tee genauso wie bei der Nudelsuppe. Uns Europäern stößt das oft auf. Wir haben als Kinder gelernt, leise zu trinken und leise zu essen.
Dabei steckt im Schlürfen eine alte Weisheit. Wer schlürft, zieht mit dem Tee auch Luft in den Mund. Diese Luft trägt die flüchtigen Duftstoffe aus dem Dampf mit sich und verteilt sie im ganzen Mundraum. In der chinesischen Teetradition heißt es, die Energie des Tees stecke im Dampf. Beim Schlürfen nimmst du genau diesen Dampf mit auf.
Bei heißer Suppe hat das Schlürfen noch einen ganz praktischen Nutzen. Die einströmende Luft kühlt die Brühe auf dem Weg in den Mund, und du verbrennst dir die Zunge nicht. Genuss und Vernunft liegen hier erstaunlich nah beieinander.
Auch bei uns gibt es Menschen, die ungeniert schlürfen. Weinverkoster ziehen den Wein mit einem gurgelnden Geräusch über die Zunge. Bei professionellen Tee- und Kaffeeverkostungen wird vom Löffel geschlürft, und zwar laut. Wer beruflich schmeckt, hat die gute Kinderstube längst gegen den vollen Geschmack eingetauscht.
Wie verkostet man Tee richtig?
Eine Teeverkostung beginnt lange vor dem ersten Schluck. Zuerst betrachtest du die trockenen Blätter, ihre Farbe, ihre Form und ihren Glanz. Dann riechst du an ihnen, und nach dem ersten Aufguss riechst du erneut, diesmal an den nassen Blättern. Der Duft verändert sich mit jedem Schritt und erzählt dir bereits viel über den Tee.
Danach kommt der Tee selbst. Profis schlürfen ihn vom Löffel, zu Hause genügt die Tasse. Und hier entscheidet sich, ob du deinen Tee einfach trinkst oder ob du ihn wirklich schmeckst. Der Teeatem ist das Werkzeug dafür.
Der Teeatem: durch den Mund ein, durch die Nase aus
Der Teeatem ist einfach, braucht aber einen Moment Übung.
Du führst die Tasse an die Lippen und atmest durch den Mund ein, während du den Tee schlürfst. Dann schluckst du den Tee hinunter und spürst ihm nach. Erst danach atmest du langsam durch die Nase aus.
In diesem Ausatmen öffnet sich der Tee. Die Aromen legen sich auf die Zunge und steigen gleichzeitig in die Nase. Ein Oolong, der eben noch einfach gut schmeckte, zeigt plötzlich Blüten, Honig und eine Tiefe, die vorher verborgen war.
Ein Hinweis: Einige meiner Workshopteilnehmer haben sich beim ersten Versuch verschluckt. Schau dir die Bewegung im Video zuerst in Ruhe an, bevor du sie nachmachst. Die Menge spielt keine Rolle. Du kannst den Teeatem mit einer kleinen Teeschale genauso anwenden wie mit einer großen Tasse. Für den Anfang hilft ein kleiner Schluck trotzdem.
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Was beim Schlürfen in deinem Körper geschieht
Wir riechen auf zwei Wegen. Den ersten kennst du. Du hältst die Nase über die Tasse und atmest den Duft ein. Der zweite Weg führt von innen nach außen. Die Duftstoffe steigen aus dem hinteren Mundraum durch den Rachen nach oben in die Nase. Fachleute nennen das retronasales Riechen, also Riechen von hinten.
Die Zunge allein erkennt nur süß, sauer, salzig, bitter und umami. Alles Feine, jede Blüte und jede Frucht im Tee, erreicht dich über die Nase. Was wir im Alltag Geschmack nennen, ist zum größten Teil Geruch.
Genau hier kommt der Atem ins Spiel. Eine Studie zum Zusammenhang von Atemphase und Riechen kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrnehmung über diesen inneren Weg vom Ausatmen abhängt. Beim Essen selbst bleibt das Aroma zunächst eingeschlossen. Der Gaumen sperrt die aromatisierte Luft ab, und sie gelangt erst nach dem Schlucken zur Riechschleimhaut. Das bewusste Ausatmen durch die Nase nach dem Schlucken nutzt also genau den Moment, in dem die Aromen ohnehin auf dem Weg sind. Du öffnest ihnen die Tür etwas weiter.
Sogar speziell für Oolong gibt es Forschung dazu. In einer japanischen Untersuchung bewerteten Teilnehmer nach dem Schlucken von Oolong-Tee jeweils 60 Sekunden lang, wie stark sie das Aroma über diesen inneren Weg wahrnahmen. Der Nachhall eines guten Tees ist also messbar.
In China hat dieser Nachhall einen eigenen Namen. Huigan, 回甘, bedeutet zurückkehrende Süße. Gemeint ist die feine Süße, die sich einige Atemzüge nach dem Schlucken im Hals ausbreitet. Wer mit dem Teeatem trinkt, spürt ihr aufmerksamer nach.
Warum schmeckt man mit Schnupfen nichts?
Jeder kennt das. Die Nase ist zu, und das Lieblingsessen schmeckt plötzlich nach Pappe. Süß und salzig erkennst du noch, doch alles Feine ist verschwunden.
Der Grund ist derselbe, den du dir beim Teeatem zunutze machst. Wenn die Nase verstopft ist, kommen die Duftstoffe aus dem Mund nicht mehr bis zur Riechschleimhaut. Der innere Weg ist versperrt. Der Schnupfen zeigt dir also ganz nebenbei, wie viel deines Geschmacks über die Nase läuft. Der Teeatem nutzt diesen Weg ganz bewusst.
Welcher Tee eignet sich zum Verkosten?
Für das Video habe ich bewusst einen Oolong gewählt. Oolongs sind duftiger als viele andere Tees, und ihre Aromen sind flüchtig genug, um beim Schlürfen richtig aufzusteigen.
Mein morgendlicher Sheng Pu-Erh vom Bada Shan schmeckt wunderbar, und in den ersten beiden Aufgüssen lohnt sich der Teeatem auch dort. Danach bringt er nach meiner Erfahrung kaum noch etwas, weil der Tee dann mehr von Körper und Nachhall lebt als von flüchtigem Duft.
Die Technik funktioniert übrigens weit über den Tee hinaus. Ich habe sie bei intensiven Speisen und anderen Getränken ausprobiert. Überall dort, wo viel Aroma im Spiel ist, zeigt sie Wirkung.
Auch die Form deiner Teeschale beeinflusst, wie die Aromen zu dir finden. Darüber habe ich in einem eigenen Beitrag geschrieben.
Langsamer trinken, mehr schmecken
Vielleicht ist das Schönste am Teeatem seine Langsamkeit. Wer schlürft, schluckt und dann bewusst ausatmet, kann nicht nebenbei trinken. Der Atem, der sonst unbemerkt fließt, wird für einen Moment zum Teil des Genusses.
Probier es morgen früh mit deiner ersten Tasse aus. Schlürf den Tee, lass ihn hinuntergleiten, und atme dann langsam durch die Nase aus. Du wirst feststellen, dass in deinem vertrauten Tee mehr steckt, als du bisher geschmeckt hast.
Häufige Fragen zum Tee verkosten
Ist Tee schlürfen unhöflich?
In Deutschland gilt Schlürfen bei Tisch als schlechtes Benehmen. In China ist es beim Tee und beim Essen völlig normal. In professionellen Tee-, Wein- und Kaffeeverkostungen ist es üblich, weil es die Aromen verstärkt.
Warum schlürft man Tee beim Verkosten?
Beim Schlürfen gelangt Luft mit in den Mund. Sie verteilt den Tee auf der ganzen Zunge und trägt die Duftstoffe über den Rachen zur Nase. Dort entsteht der größte Teil dessen, was wir als Geschmack empfinden.
Was ist der Teeatem?
Der Teeatem ist eine Atemtechnik beim Teetrinken. Du schlürfst den Tee mit einem Atemzug durch den Mund, schluckst ihn hinunter und atmest danach langsam durch die Nase aus. So erreichen die Aromen die Riechschleimhaut besonders intensiv.
Welcher Tee eignet sich am besten zum Schlürfen?
Besonders gut eignen sich duftige Tees wie Oolong. Bei Pu-Erh lohnt sich die Technik vor allem in den ersten Aufgüssen.
weiter lesen:
Schlürf deinen Tee! So verkostest du Tee wie in China
Sheng-Pu-Erh reifen lassen: Der Guide für Anfänger und Fortgeschrittene
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