Türkischer Tee: Wie aus einem Kaffeeland ein Teeland wurde

Vor ein paar Tagen stand ich in Antalya in einem Teeladen namens Chado. Ein wirklich hübscher Laden mit einer wunderschönen Atmosphäre und einem Raum für Teeseminare und Gong-Fu-Cha-Runden. In den Regalen reihten sich Tees aus aller Welt aneinander, von japanischem Grüntee bis zu chinesischem Oolong. Die Dame hinter dem Tresen nahm sich viel Zeit für mich, zeigte mir ihre Tees und gab mir Empfehlungen. Ich fragte nach Tee aus Rize, dem wichtigsten Anbaugebiet der Türkei. Den gab es nicht. Ausgerechnet in einem der größten Teeländer der Welt hatte dieser schöne Laden alles außer türkischem Tee.

Unter ihren Empfehlungen war leider auch ein Milky Oolong, und da musste ich ein bisschen klugscheißern. Ich konnte nicht anders, es ist wirklich ein Zwang. Das alte Märchen vom Milky Oolong triggert mich zu Tode. Es wird immer weitererzählt, obwohl es keinerlei Beweise dafür gibt, und jeder schreibt es vom anderen ab, ohne selbst nachzurecherchieren. Angeblich wird dieser Tee über Milch gedämpft und duftet dadurch nach Karamell und Erdbeere. Wer schon einmal Milch gekocht hat, weiß, dass ihr Dampf nie nach Erdbeere riecht. Ein Blick auf die Zutatenliste verrät meist das Geheimnis: Dort steht schlicht „Aroma“. Es gibt zwar einen echten Milky Oolong, die Sorte Jin Xuan, die von Natur aus cremig schmeckt, doch auch sie hat nie Milch gesehen. Mehr dazu findest du in meinem Artikel über den Mythos Milky Oolong

Ansonsten habe ich mich ganz auf ihre Tees eingelassen, und sie waren spannend und manchmal ungewöhnlich. Mit nach Hause kamen zwei Matchas. Der eine ist mit Kakao und Erbsenprotein gemischt, der andere mit Zimt und Kardamom. Den Matcha schmeckt man darin kaum noch heraus, aber die Mischungen haben mir gefallen, und für unseren deutschen Winter sind sie genau richtig. Dazu kam noch ein Jasmintee, und mit ihm eine kleine Zeitreise.

Als ich die Dose öffnete und meine Nase hineinhielt, war ich mit einem einzigen Atemzug wieder in Alanya, im Sommer 1997. Damals dufteten die Straßen nach blühendem Jasmin, und meine Oma lebte noch. Gleich daneben stand ein zweiter Jasmintee, ganz aus China, und er roch vollkommen anders. Natürlich nahm ich den Tee mit dem Duft aus Alanya. Erst danach erzählte mir die Verkäuferin, dass seine Jasminblüten aus der Türkei stammen. Meine Nase hatte es gewusst, bevor ich es wusste.

Türkischer Tee im Alltag: Überall ein Glas

Wer durch die Türkei reist, begegnet dem Tee überall. Gehen wir essen und bestellen einen Tee, taucht er auf der Rechnung meistens gar nicht auf. Beim Frühstück steht die Doppelkanne am Buffet bereit, und jeder schenkt sich ein, so oft er mag. In den Supermärkten stapeln sich Teepackungen, die so groß sind, dass ich fürchte, sie würden nicht in meinen Koffer passen.

Getrunken wird fast ausschließlich Schwarztee, aus kleinen, tulpenförmigen Gläsern, in denen der Tee rot wie ein Rubin leuchtet. Was mir besonders gefällt: Jeder bestimmt selbst, wie stark sein Tee ist. Zuerst kommt ein Schuss dunkles Konzentrat ins Glas, dann wird mit heißem Wasser aufgefüllt. Wer es hell und mild mag, bestellt „açık“. Wer es kräftig liebt, sagt „koyu“, dunkel.

Die Geschichte des türkischen Tees: Ein Kaffeeland durch und durch

Dabei ist die Türkei eigentlich ein Kaffeeland, ähnlich wie Deutschland. Bis vor rund hundert Jahren war das Osmanische Reich sogar das führende Kaffeeland der Welt. In den Kaffeehäusern trafen sich Dichter, Politiker und Gelehrte, und die Gespräche dauerten so lange wie der Rauch aus ihren Wasserpfeifen. Tee kannte man kaum, getrunken wurde er höchstens im Osten des Reiches, wo es Handelswege nach Persien und Russland gab.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wollte Sultan Abdülhamid II. Tee im eigenen Land anbauen. Man pflanzte ihn überall, von Bursa bis Aleppo, doch er wollte nicht wachsen. Dann kam der Erste Weltkrieg und beendete alle Versuche.

Geschichten vom Teetisch

Geschichten aus fast 30 Jahren am Teetisch, ausgewählt, überarbeitet und mit Kalligrafien versehen.

Warum der Tee den Kaffee verdrängte

Mit dem Ende des Osmanischen Reiches ging der Jemen verloren und mit ihm Mokka, die Heimat des Kaffees. Plötzlich musste jede Bohne teuer eingeführt werden, vor allem aus Brasilien. Atatürk, der Gründer der jungen Republik, setzte deshalb auf Tee. Den konnte man selbst anbauen, und er war günstig: Für den Preis einer Tasse Kaffee bekam man vier Gläser Tee.

Hier beginnt meine Lieblingsgeschichte. Der Agraringenieur Zihni Derin soll die ersten Teesamen aus dem georgischen Batumi geholt haben, versteckt in einem Spazierstock, damit sie an der Grenze nicht beschlagnahmt würden. Ob das genau so geschah, weiß niemand sicher. Sicher ist, dass das türkische Parlament im Februar 1924 ein Gesetz verabschiedete, das den Anbau von Tee, Haselnüssen und Zitrusfrüchten in der Provinz Rize förderte. Die Region an der Schwarzmeerküste war arm, viele Menschen wanderten ab, und der Tee sollte ihnen eine Zukunft geben. Derin widmete dieser Aufgabe fast sein ganzes Leben. 1938 gelang die erste Ernte, 1947 öffnete in Rize die erste Teefabrik.

Der Preis war nicht der einzige Grund für den Siegeszug. Tee ist einfacher zuzubereiten. Für zehn Gäste Kaffee zu kochen, kostet Zeit und Geld. Eine Doppelkanne Tee reicht für alle, und wenn ein Glas leer ist, wird einfach nachgeschenkt. In den Teegärten wird kein Alkohol ausgeschenkt, dort ist Tee das Getränk der Geselligkeit. So wurde aus einer Notlösung ein Stück Heimat.

Die Doppelkanne: So bereitest du türkischen Tee zu

Das Herz der türkischen Teekultur ist die Çaydanlık, eine Doppelkanne aus zwei übereinandergestellten Kannen. In der großen unteren Kanne kocht das Wasser, in der kleinen oberen zieht der Tee.

Die klassische Zubereitung geht so: Du bringst das Wasser in der unteren Kanne zum Kochen. In die vorgewärmte obere Kanne gibst du den trockenen Tee und gießt so viel kochendes Wasser darüber, dass die Blätter bedeckt sind. Menschen aus Rize lassen das Wasser dabei langsam am Rand herunterlaufen, damit die Blätter nicht verbrennen und bitter werden. Dann setzt du die obere Kanne wieder auf die untere, drehst die Hitze herunter und lässt den Tee 10 bis 15 Minuten ziehen. Dieses sanfte Ziehenlassen nennen die Türken „demlemek“. Unten soll das Wasser nur leise köcheln, denn der Tee braucht nur den aufsteigenden Dampf, um heiß zu bleiben. Heraus kommt ein dunkles Konzentrat, das jeder im Glas mit heißem Wasser aus der unteren Kanne auf seine Wunschstärke bringt.

Ich selbst mache es zu Hause ein wenig anders, und so habe ich es auch gelernt. Ich gebe die Blätter in die obere Kanne und gieße sie mit kaltem Wasser auf. Dann setze ich sie auf die untere Kanne und bringe das Wasser dort zum Kochen. Der Dampf erwärmt den Tee oben ganz allmählich, und das wenige Wasser zieht langsam durch die Blätter. So schonend erwärmt, schmeckt mir der Tee noch besser. Diese Methode ist nicht die übliche, aber probier sie gern einmal aus und vergleiche selbst.

Die Doppelkanne hat noch einen Vorteil. Sie macht aus einem Tee, der nicht die allerbeste Qualität hat, trotzdem ein schönes Getränk. Die gleichmäßige, sanfte Wärme holt aus den Blättern mehr heraus, als man ihnen zutrauen würde.

Türkischer Tee heute: Weltmeister im Teetrinken

Heute trinkt kein Land der Welt pro Kopf so viel Tee wie die Türkei. Jeder Mensch dort trinkt im Durchschnitt gut drei Kilogramm im Jahr, das sind fast vier Gläser am Tag. Aus ein paar geschmuggelten Samen in einem Spazierstock ist in hundert Jahren eine Teenation geworden. Der Kaffee ist geblieben, aber er gehört heute zu den besonderen Momenten. Der Tee gehört zum ganzen Tag.

Übrigens gibt es auch in Deutschland eine Gegend, die da mithalten kann. In Ostfriesland trinken die Menschen pro Kopf ungefähr so viel Tee wie in der Türkei. Zwei Kaffeeländer, und in beiden gibt es einen Winkel, der dem Tee verfallen ist.

Was der Tee in der Türkei mir zeigt

Am Ende des Tages denke ich noch einmal an den schönen Laden in Antalya. Er hat Tee aus Japan und aus China, Matcha mit Zimt und Kardamom und Raum für Seminare und Zeremonien. Nur der Tee, der vor seiner Tür in jedem Glas dampft, fehlt in seinen Regalen. Vielleicht ist es mit dem Vertrauten oft so. Was uns jeden Tag begleitet, wird so selbstverständlich, dass wir vergessen, wie besonders es ist. Der türkische Tee ist allgegenwärtig, er wird fast nie berechnet, und er erzählt eine Geschichte von Verlust, Mut und einem Spazierstock voller Samen. Ein Paket davon habe ich mit nach Hause genommen. Ein kleines, damit es in den Koffer passte.

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