Antalya – Zwischen Meer, Bergen und Erinnerung

Wer Antalya kennt, kennt meist Pauschalreisen, Hotelburgen und riesige All-inclusive-Tempel. Dass dieses Land weit mehr zu bieten hat, wissen viele nicht. Wir reisen am liebsten auf eigene Faust. Wir möchten ein Land mit allen Sinnen erleben, seinen Menschen begegnen, seinen Charakter spüren und etwas von seiner Kultur verstehen. Das ist nicht ganz leicht, wenn man nur drei Worte Türkisch spricht. Doch selbst diese drei Worte öffnen hier Türen und zaubern ein Lächeln in Gesichter, die eben noch verschlossen wirkten.

Zum ersten Mal war ich 1997 in der Türkei, in Alanya, an der Seite meiner Oma, die damals noch lebte. Seitdem trägt dieses Land für mich zwei Farben, das Helle der fröhlichen Tage und das Dunkle der schmerzhaften. Alanya meide ich bis heute, zu viel Schmerz hängt an diesem Ort. Antalya dagegen liegt nah genug, um mich zu erinnern, und weit genug, um neu anzufangen.

In der Türkei ist auch mein Name entstanden. Yemin bedeutet auf Türkisch Schwur oder Versprechen. Die Geschichte dahinter ist lang und traurig, und sie ist nicht gut ausgegangen. Jahre später wuchs aus Yemin mein chinesischer Name Yeming, 夜明, zusammengesetzt aus den Zeichen für Nacht und leuchtend. Dass beide Namen so gut zueinander passen, war natürlich reiner „Zufall“. Mein Name hat sich gewandelt wie alles im Leben. Nichts bleibt stehen, nicht einmal die Steine.

Georgien, Kairo und Zypern standen auf meiner Liste, doch am Ende fiel die Wahl auf Antalya. Ich bin der Stadt mit gemischten Gefühlen begegnet, und sie hat mich mit offenen Armen empfangen. Wir wohnen in einem kleinen Hotel am Rand der Stadt, wo es still ist und kaum Touristen gibt. Ein Mietwagen schenkt uns die Freiheit, jeden Morgen neu zu entscheiden, wohin der Tag uns trägt.

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Sonnenaufgang in Antalya, mit Tee und Katze

Ich stehe jeden Tag früh auf, ob ich arbeite oder Urlaub habe, und so zog es mich fast jeden Morgen ans Meer. Am ersten Morgen kannte ich den Weg noch nicht und lief im Halbdunkel durch die schlafende Stadt. Vor Sonnenaufgang zeigt das Thermometer nur 15 oder 16 Grad. Kaum hatte ich meine Teesachen ausgebreitet, kam eine wohlgenährte rote Katze, kletterte auf meinen Schoß und blieb dort, bis die letzte Schale leer war. Wärmer hätte mein Morgen kaum beginnen können.

Am zweiten Tag lief sie an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Dafür fächerten sich Licht und Schatten vom Horizont aus, mit einem zarten grünen Schimmer dazwischen, ein Schauspiel, das ich nur dieses eine Mal gesehen habe. Am dritten Morgen hatte ich Leckerlis eingesteckt, und die Katze saß die ganze Zeit neben mir.

Ich saß auf einer der Liegen, für die man eigentlich bezahlt. Ein älterer Mann kam vorbei, und ich erzählte ihm auf Türkisch, wie schön der Sonnenaufgang ist. Er sah die Katze, fragte mit Händen und Füßen, ob ich schwimmen gehe, und ließ mich sitzen, ohne Geld zu verlangen. Meine drei Worte Türkisch hatten sich gelohnt.

Jeden Morgen kommt dann derselbe Augenblick. Eine rote Sichel bricht über dem Meer hervor, und ehe ich richtig Luft geholt habe, steht der ganze Feuerball am Himmel. Es geht jedes Mal unglaublich schnell, und es berührt mich jedes Mal aufs Neue. Kein Sonnenaufgang gleicht dem anderen.

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Antalya im Oktober: Ein Meer zum Durchschauen

Das Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann, als läge über den Kieseln nur eine dünne Scheibe Glas. Selbst jetzt im Oktober ist es noch warm. Hinter der Küste steigen die Berge des Taurusgebirges auf, und an klaren Tagen scheint es, als würden sie direkt aus dem Meer wachsen.

Eines Morgens sprach mich am Strand ein YouTuber an und fragte, was ich von der Türkei halte. Ich musste nicht lange überlegen. Hier zu sein fühlt sich leicht an, fast unbeschwert. Seit meinem ersten Besuch hat sich viel verändert. Das Land ist lockerer geworden, moderner und sogar ein Stück sauberer. Teurer ist es leider auch. Manchmal habe ich den Eindruck, dass eher wir in Deutschland stehen geblieben sind.

Antalyas Geschichte: Ein Land, das auf Geschichte gebaut ist

Der YouTuber sprach auch über die Geschichte seines Landes, und er hat recht: Kaum ein Ort der Welt trägt so viele Schichten in sich. Antalya wurde im 2. Jahrhundert vor Christus von Attalos II., dem König von Pergamon, gegründet und hieß damals Attaleia. Kaiser Hadrian besuchte die Stadt, und das prächtige Tor, das man ihm zu Ehren errichtete, steht bis heute. Später legten hier Kreuzfahrer auf dem Weg ins Heilige Land an, dann kamen die Seldschuken, die ersten türkischen Herrscher der Stadt, und schließlich die Osmanen. Das schlanke, gerillte Minarett, das Yivli Minare, erinnert bis heute an die seldschukische Zeit.

Und das ist nur eine Stadt. Weiter im Landesinneren liegt Konya, wo der Dichter und Mystiker Rumi lebte und begraben ist. Im Norden liegt Istanbul, das einmal Konstantinopel hieß und über Jahrhunderte zwei Weltreiche zusammenhielt. Durch dieses Land sind Heere gezogen, Händler, Pilger und Gelehrte, und jeder hat etwas zurückgelassen.

Umso mehr berührt es mich, wie wenig davon gepflegt wird. Eine seldschukische Burg liegt verschmutzt und halb zusammengefallen am Wegesrand, und niemand scheint sich um sie zu kümmern. Termessos, eine der eindrucksvollsten antiken Städte, die ich je gesehen habe, wird erst seit 2025 systematisch ausgegraben. Lange galt sie wohl einfach als Steinhaufen, der eben zusammengefallen war. Hier liegen Schätze offen herum, und manchmal wünsche ich mir, das Land würde sie mit denselben Augen sehen wie seine Besucher.

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Im Gewühl der Stadt: Verkehr und Handeln in Antalya

Wir sind durch die Gassen gestreift und im Trubel verschwunden. Antalya pulsiert, und man spürt dieses Pulsieren auch auf der Straße. Der Verkehr folgt eigenen Regeln, die ich bis heute nicht entschlüsselt habe. Ich hätte mich hier nie hinters Steuer gesetzt.

Dieselbe Eile findet sich beim Handeln wieder. Wo jedes Jahr Millionen Pauschalurlauber ankommen, haben sich manche Händler darauf eingestellt, dass Touristen nicht nachfragen. Wer es doch tut, erlebt Erstaunliches. Wechselgeld kommt oft zögerlich, in der stillen Hoffnung, dass man abwinkt und den Rest liegen lässt. Einmal wollten wir zwei Stück Baklava kaufen. Der Verkäufer verlangte 600 Lira. Als wir ihn baten, die beiden Stücke zu wiegen, ging er auf 300 herunter. Am Ende bezahlten wir 150, was immer noch großzügig war. Für einen Saft legten wir an anderer Stelle zehn Euro auf den Tisch. Ein bisschen Wachsamkeit gehört hier einfach ins Reisegepäck.

Der Wochenmarkt in Antalya: Ein Markt wie ein Garten

Versöhnt hat uns ein Wochenmarkt, so groß, dass man sich darin verlieren kann. Obst und Gemüse türmen sich an jeder Ecke, dazwischen leuchten Gewürze in Rot und Gold, und aus prall gefüllten Säcken quellen Nüsse. Auch dort lohnt es sich, beim Abwiegen genau hinzusehen. Für uns, die wir sehr auf unsere Ernährung achten, ist dieser Markt trotzdem ein Paradies. Beim Frühstück endet das Paradies allerdings abrupt, denn dort gibt es fast nur Weißbrot.

Ausflug nach Termessos, die Stadt im Adlernest

Eines Tages fuhren wir hinauf ins Taurusgebirge, nach Termessos. Die Straße windet sich zwischen rauen Felswänden nach oben, und auf rund tausend Metern Höhe liegen die Ruinen einer Stadt, die Alexander der Große nicht einnehmen konnte. Heute stehen dort umgestürzte Säulen, ein Theater vor der Kulisse der Berge und Hunderte steinerner Särge zwischen Wacholderbäumen. Was Alexander nicht gelang, haben am Ende das Wasser und die Zeit vollbracht. Dieser Ort hat mich so tief bewegt, dass ich ihm einen eigenen Artikel gewidmet habe.

Wohin der Weg uns trägt

Wohin es uns als Nächstes zieht, wissen wir noch nicht. Vielleicht passt das zu diesem Land, in dem sich so vieles gewandelt hat, mein Name eingeschlossen. Die Natur ist da, die Geschichte ist da, und die Leichtigkeit liegt in der Luft wie der Duft der Gewürze auf dem Markt. Man muss sie nur aufheben.

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