Die Schwelle – im Moment bleiben, auch wenn nichts klar ist

Wenn der Moment keine Antwort gibt

Es gibt Tage, an denen nichts klar ist. Kein nächster Schritt, keine Richtung, kein Gefühl, das sich eindeutig einordnen lässt. Genau diese Momente sind schwer auszuhalten, weil alles in mir darauf ausgerichtet ist, Klarheit herzustellen, Entscheidungen zu treffen oder wenigstens zu verstehen, was gerade passiert.

Ich kenne diesen Zustand gut. Er fühlt sich nicht ruhig an, sondern offen und gleichzeitig unfertig. Und genau das ist der Punkt: Nichts ist entschieden, und nichts lässt sich erzwingen.

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Gefühle zulassen und nutzen

In solchen Augenblicken tauchen Gefühle auf, die nicht angenehm sind – Traurigkeit, Verwirrung, innere Unruhe. Früher habe ich versucht, das schnell zu verändern oder zu ordnen.

Heute gehe ich anders damit um. Ich lasse diese Gefühle zu und nutze sie. Sie verschwinden dadurch nicht, aber sie bekommen eine andere Richtung.

Das Gedicht ist genau so entstanden.

Die Traurigkeit und die Verwirrung waren da, ohne klare Erklärung. Anstatt sie wegzudrücken, habe ich sie in Worte gebracht. Gefühle sind dabei weder gut noch schlecht. Sie sind einfach da. Und je nachdem, wie ich mit ihnen umgehe, können sie mich blockieren – oder tragen.

In meinem Fall haben sie mich geschrieben.

Im Moment verweilen

Das Schwierige ist nicht nur das Gefühl selbst, sondern die Unsicherheit. Ich weiß in solchen Momenten nicht, was als Nächstes kommt. Kein innerer Plan, keine klare Entwicklung.

Genau darin liegt etwas, das ich lange vermeiden wollte: ein Moment ohne Antwort. Heute versuche ich, ihn stehen zu lassen. Ohne ihn sofort zu verändern oder zu erklären.

Im Moment zu bleiben bedeutet hier nicht Ruhe oder Gelassenheit. Es bedeutet, auszuhalten, dass Widersprüche gleichzeitig da sind: der Wunsch, weiterzugehen, und das Bedürfnis zu bleiben.

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Ein Morgen, der geblieben ist

Das folgende Gedicht ist vor einem Monat entstanden. Ein ruhiger Morgen nach Regen, einfache Beobachtungen – und gleichzeitig dieser innere Zustand: nicht wissen, wohin mit dem Tag und nicht wissen, wohin mit mir.

Das Gedicht hält genau diesen Moment fest, ohne ihn aufzulösen.

Die Schwelle

Die Nacht hat Regen gebracht.
Nun duftet die Wiese nach Morgentau.

Die Hummel fliegt links, fliegt rechts,
viel zu schwer für diese kleinen Flügel.
Sie weiß es nicht.
Deshalb fliegt sie.

Der Vogel erzählt mir etwas vom Nachbarn.
Die Katze trinkt aus dem Brunnen,
als wäre er für sie gemacht.
Ein Grashüpfer hüpft auf meinen Teetisch,
als käme er, um bei mir zu bleiben.

Ich sitze an der Grenze
zwischen mir und dem, was fließt.
Möchte mitgenommen werden.
Möchte bleiben.
Weiß nicht wohin mit dem Tag.

Weiß nicht wohin mit mir.
Beides ist okay.
Beides tut weh.

Der Milan zieht weite Kreise
und sieht, was ich nicht sehe.

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