Urteil loslassen: Was Bewertung mit uns macht – und wie Tee dabei hilft

Vor Kurzem habe ich ein Interview mit einer buddhistischen Nonne geführt. Meine Community und ich hatten gemeinsam Fragen zusammengestellt, die uns in dieser Zeit beschäftigen – einer Zeit, in der viel gespalten wird, in der Unruhe herrscht, in der der Geist selten wirklich zur Ruhe kommt.
 
Eine der Fragen drehte sich darum, wie man im Moment präsent bleibt und sich nicht vom Außen ablenken lässt. Von dort aus kam die Nonne auf Neid, Lästern, Gier und Bewertung zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit hat sie mir auch ein Buch mitgegeben, das ich seitdem Stück für Stück lese: einen Text über Tee und Chan-Buddhismus von Meister Jiqun. Aus diesem Gespräch und dieser Lektüre ist dieser Artikel entstanden.

Was Urteil und Verurteilung mit uns machen

Im Buddhismus gelten Gier, Ablehnung und Verblendung als die drei Wurzeln, aus denen so ziemlich jedes Leid entsteht. Bewerten, Vergleichen, Urteilen, Verurteilen, Neid – das sind für mich die Alltagsgesichter dieser drei Wurzeln. Sie treten selten als große dramatische Gefühle auf. Meistens sind es kleine, beiläufige Bewegungen des Geistes: ein Blick, der jemanden einordnet, ein Gedanke, der eine Person auf eine einzige Eigenschaft reduziert, ein Vergleich, der einen selbst größer oder kleiner macht, als man ist.
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Der Geist als Spiegel

 
Meister Jiqun beschreibt in seinem Buch den sogenannten Alltagsgeist, den unverstellten, ursprünglichen Zustand des Herzens, bevor Vorlieben, Abneigungen und Lebenserfahrung ihn zudecken. Er vergleicht diesen Geist mit einem Spiegel: Ein Spiegel zeigt, was da ist, ohne es zu bewerten. Tritt ein Dieb ein, empfindet der Spiegel keinen Widerwillen. Kommt ein Ehrengast, keine Freude. Er registriert nur, ohne daraus ein Urteil oder ein Gefühl zu machen.

Die Gerechtigkeitskanne und “Geh, trink Tee”

Genau dieses Prinzip steckt auch in dem Gefäß, aus dem beim gemeinsamen Teetrinken eingeschenkt wird. Es trägt einen Namen, der wörtlich so viel wie Gerechtigkeitskanne bedeutet, weil jeder Gast, egal ob vertraut oder fremd, sympathisch oder nicht, den Tee zu gleichen Teilen bekommt. Und in einer weiteren Stelle erzählt das Buch von einem alten Chan-Meister, der jeden Besucher, egal wer kam, mit denselben drei Worten empfing: Geh, trink Tee. Man kann einen Tee technisch perfekt verkosten, jede Nuance benennen, jede Anbauregion erkennen, und ist trotzdem, solange man mit Gier, Unterscheidungsgeist und ständigem Mögen-oder-nicht-Mögen dabei ist, bestenfalls ein hochqualifizierter Verkoster. Mit dem, was der alte Chan-Meister mit seinen drei Worten eigentlich meinte, hat das nichts zu tun.
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Der Kreislauf, den Bewertung erzeugt

Urteil und Verurteilung halten uns in einem Kreislauf gefangen. Wir bewerten, fühlen uns kurz bestätigt oder überlegen, und geraten im nächsten Moment selbst in die Position, bewertet zu werden. Wir vergleichen uns, finden uns zu kurz gekommen, und tragen das Gefühl in die nächste Begegnung. Der Moment selbst, das, was gerade wirklich da ist, geht dabei verloren, weil wir längst mit dem Einordnen beschäftigt sind.
 

Warum Bewertung mein Todesthema ist

Ich war schon als Kind sehr groß für mein Alter. Die Leute haben mich deshalb automatisch älter eingeschätzt, als ich war, und mehr von mir erwartet, als ich leisten konnte. Dass ich vieles noch nicht wusste, dass ich Dinge anders verarbeitete, dass mein Kopf anders tickte, wurde nicht gesehen. Erst mit über achtunddreißig Jahren wurde festgestellt, dass ich ADHS, Hochsensibilität und Synästhesie habe. Bis dahin habe ich nicht verstanden, was mit mir los ist.
 
Über all die Jahre wurde ich eingeordnet, an Erwartungen gemessen, die nie richtig ausgesprochen wurden und die ich, weil mein Kopf anders arbeitet, oft gar nicht erfüllen konnte. Diese ständige Bewertung, ohne dass ich wusste, warum ich ihr nicht entsprach, ist über die Jahre fast zu einem Trauma geworden. Deshalb ist Bewertung für mich kein abstraktes Thema. Es ist etwas, das mich mein ganzes Leben begleitet und immer wieder klein gemacht hat.

Was passiert, wenn wir Urteilen loslassen

Wenn wir aufhören, einen Menschen in eine Schublade zu stecken, bleibt etwas anderes übrig: der Mensch selbst, so wie er gerade vor uns steht, ohne die Etiketten, die wir ihm sonst automatisch geben.
 

Von der Schublade zur Spaltung

Das lässt sich, glaube ich, auch auf die Welt gerade jetzt übertragen. Wir teilen einander ständig ein, links oder rechts, oben oder unten, und je nachdem, wo jemand steht, sprechen wir ihm sein Menschsein ab. Dabei haben wir vermutlich alle dasselbe eigentliche Ziel: Mensch zu sein, und den Menschen im Gegenüber zu sehen. Wenn wir aus jemandem einfach nur noch eine Zuschreibung machen, der ist ein Nazi, der ist ein Extremist, der ist was auch immer, dann ist diese Person für uns kein Mensch mehr. Und der Weg von dort zu Gewalt wird kürzer, weil man einer Zuschreibung leichter etwas antun kann als einem Menschen.
 
Das Loslassen von Urteil ist deshalb keine reine Wellness-Übung. Es ist, aus buddhistischer Sicht, der Weg zurück zu unserer eigentlichen Verbindung miteinander.

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Urteilen loslassen: eine tägliche Teezeremonie-Übung

Für mich ist die Teezeremonie ein Ort, an dem ich das Loslassen von Urteil täglich üben kann, im Kleinen, bevor es im Großen gefragt ist. Hier eine kurze Übung, die daraus entstanden ist und die ich mit dir teilen möchte.
 
Vorbereitung
Nimm dir die Zeit ganz bewusst. Kein Handy, kein Buch, keine Ablenkung. Deine einzige Aufgabe: dir eine Tasse Tee zubereiten und trinken – mehr nicht.
 
Schritt 1: Ankommen
Bevor du überhaupt etwas anfasst: drei tiefe Atemzüge. Spüre deinen Körper, wo du gerade stehst oder sitzt. Du musst noch nichts tun.
 
Schritt 2: Wasser
Fülle Wasser in den Kessel oder Wasserkocher. Spüre das Gewicht, das Geräusch des Wassers. Während es erhitzt wird: hör einfach zu, dem Rauschen, dem allmählichen Lauterwerden, dem Sieden. Das ist keine Wartezeit, die überbrückt werden muss, sondern schon Teil der Übung.
 
Schritt 3: Der Tee selbst
Nimm deine Teedose oder Packung zur Hand. Schau dir die trockenen Blätter an, bevor du sie ins Gefäß gibst. Ihre Form, ihre Farbe, ihre Unregelmäßigkeit. Führ sie an die Nase, riech den trockenen Duft. Gib sie erst dann in die Kanne oder das Gefäß, wenn du wirklich hingeschaut hast.
 
Schritt 4: Der Aufguss
Gieß das heiße Wasser über die Blätter, zuerst nur wenig, gerade so viel, dass sie bedeckt sind. Nutzt du eine durchsichtige Kanne oder ein Glas: Beobachte, wie sich die ersten Blätter öffnen, wie sich eine erste, helle Farbe ins Wasser zieht. Nutzt du ein blickdichtes Gefäß: Leg den Deckel auf, warte ein paar Sekunden, nimm ihn dann kurz wieder ab. Schau, wie sich der Duft verändert hat.
 
Gieß danach den Rest des Wassers auf. Beobachte den Dampf, der aufsteigt, das Geräusch des Wassers, das die Blätter umspült.
 
Schritt 5: Der Blick
Betrachte die Farbe des fertigen Tees in der Tasse. Nicht bewerten, ob sie schön ist – nur schauen.
 
Schritt 6: Der Duft
Führ die Tasse langsam zur Nase. Atme ein. Bemerke, ob sofort eine Bewertung kommt – riecht gut, riecht komisch. Lass sie da sein, aber halt nicht an ihr fest. Kehr zurück zum reinen Wahrnehmen des Duftes.
 

Schritt 7: Der erste Schluck

Trink einen kleinen Schluck. Bevor automatisch schmeckt mir oder schmeckt mir nicht kommt, lass eine kurze Lücke. Was passiert wirklich, bevor das Urteil einsetzt? Wärme im Mund, Textur, vielleicht Bitterkeit oder Süße.
 
Schritt 8: Weitertrinken ohne Ziel
Trink in kleinen Schlucken weiter, ohne Eile, ohne das Ziel, fertig zu werden. Wann immer eine Bewertung auftaucht, bemerke sie freundlich – und kehr zurück zur reinen Wahrnehmung.
 
Abschluss
Wenn die Tasse leer ist: Sitz noch einen Moment. Frag dich nicht, ob dir der Tee geschmeckt hat, sondern eher: Konnte ich den ganzen Weg – vom Wasser bis zum letzten Schluck – wirklich begleiten, ohne abzuschweifen, zu vergleichen, zu urteilen?
 
Eine Frage zum Weiterdenken
Wo hat sich bei dir zuerst eine Bewertung eingeschlichen – beim Sehen, beim Riechen, beim Schmecken? Und was passiert, wenn du sie bemerkst, ohne ihr zu glauben?
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